Merkwürdiges

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In den letzten Tagen sind wieder so einige Nachrichten, Statements und Begründungen über die Ticker gelaufen, die den Beobachter nur wundern können. Eine kleine Zusammenfassung und Kommentierung.

Die magische 7%-Marke

Da wäre zunächst einmal die immer wiederkehrende Behauptung, ein Zinssatz für einen Staat oberhalb von 7% sei untragbar. Hier zeigt sich der aus der Behavioral Finance bekannte Ankereffekt. Weil Portugal und Irland unter die europäischen Rettungsschirme schlüpften, als deren Staatsanleihenzinsen die 7%-Marke durchbrachen, leitet sich nun für viele Analysten eine "magische Hürde" ab. Diese ist jedoch äußerst willkürlich.

Zum einen reden wir hier über nominale Zinssätze. Diese bestehen aus einem Realzinsanteil und einem Inflationsausgleich. Würde die Wirtschaft eines Landes um 4% wachsen, bei einer Inflationsrate von 3%, dann wäre ein Zinsniveau von 7% nicht nur tragbar, sondern höchst angemessen. Bei einem Land in der Rezession (Wachstum <=0) und in der Deflation (Inflation <=0) ist in gewissem Sinne jedes Zinsniveau untragbar. Eine Fokussierung auf die 7% macht demnach keinen Sinn. Dies wird insbesondere in Verbindung mit der jüngsten Äußerung des EZB-Chefs Draghi noch eine Relevanz erhalten.

Denn würde die EZB mit Staatsanleihekäufen beginnen, stellte sich die Frage nach dem gewünschten Zielzinssatz! Spanien fordert, "von den absurd hohen Zinsen befreit zu werden". Heißt dies, die Zinsen unter der 7% Marke zu halten? Müssen die Zinsen unter 6% fallen, damit ein Sicherheitsabstand auf diese "magische Marke" entsteht? Oder müssen die Zinsen in Richtung 0% gedrückt werden, um ein angemessenes Niveau für ein Land in der Depression zu finden? Die Antwort hierauf kennt wahrscheinlich noch nicht einmal die EZB.

Überhaupt scheint die Aufregung über die hohen Zinssätze künstlich überzogen. Denn diese hohen Zinsen zahlt der Staat ja nur für die zur Refinanzierung anstehenden sowie die neuemittierten Beträge. Aufgrund der Zinsentwicklung der letzten 10 Jahre, kann man für Spanien eine durchschnittliche Zinsbelastung von nominal rund 5% für seine komplette Staatsschulden unterstellen. Würde nun ein 1/10tel dieser Schulden zur Refinanzierung bei einem Zinssatz von aktuell 7% anstehen, würde dies die Zinslast des Staates gerade einmal von durchschnittlich 5% auf 5,2% erhöhen! Bei einer Staatsschuldenquote von 75% wäre der Effekt gerade einmal 0,15% des BIP p.a.! Warum also die Aufregung?

Schuldnerfehler

Weil die spanischen Politiker typische "Schuldnerfehler" begannen haben. Sie haben das Geschenk der niedrigen Zinsen der letzten Jahre doppelt missbraucht. Zum einen haben Sie die Zinsersparnisse generell nicht zur Tilgung genutzt. Ein Fehler, den übrigens manche Häuslebauer auch bei uns derzeit in Erwägung ziehen. Vor 10 Jahren mussten Häuslebauer in Deutschland noch ca. 6% für Hypotheken plus mindestens 1% für die Tilgung aufwenden. Die jährliche Gesamtbelastung betrug demnach mindestens 7%. Für € 100.000,-- Kredit mussten jährlich € 7.000,-- aufgewendet werden. Ein typisches Annuitätendarlehen, bei dem die Rate konstant bleibt und sich deshalb die Tilgung um die ersparten Zinsen erhöht, war bei diesen Zinssätzen in ca. 30 Jahren abbezahlt.

Bei einem aktuell niedrigen Darlehenssatz von 3% fällt die Jahresbelastung auf € 4.000,--. Dadurch verzögert sich aber die Rückzahlung erheblich auf über 45 Jahre! Sinnvoll wäre es, die Tilgung soweit zu erhöhen, dass die Gesamtbelastung wieder € 7.000,-- erreicht. Die dadurch hohe Anfangstilgung von 4% reduziert die Darlehenslaufzeit auf 18,7 Jahre! Sparen würde sich demnach lohnen. Doch was erfahren wir aus den Bauberatungsheftchen? Durch das niedrige Zinsniveau "könne man sich mehr Haus leisten". Also statt 4% Tilgung wird die Darlehenssumme soweit erhöht, dass die Belastung wieder € 7.000,-- beträgt. Bei 3% Zins und 1% Tilgung kann man sich so "mehr Haus" in einer Größenordnung von insgesamt € 175.000,-- leisten. 75% mehr Haus ...

Die Folgen sind natürlich gravierend. (1) beträgt die Tilgungszeit nun wieder > 45 Jahre. (2) erhöht sich das Anschlusszinsrisiko erheblich. Denn wenn die € 7.000,-- die Belastungsgrenze darstellen, bestehen keine Reserven gegen Zinsanstiege. (3) treibt man mit dieser "Logik" die Hauspreise nach oben. Sprich: es bestehen gute Chancen, dass man nicht nur zu viele Schulden hat, sondern auch noch einen überteuerten Gegenwert erworben hat.

Genau in diese Falle sind die Politiker der Problemländer getappt. Sie haben sich "mehr Haus geleistet", als ökonomisch sinnvoll war und alle drei genannten Risikofaktoren haben sich nun eingestellt. Doch solche Politiker sind "schlau" (Vorsicht, Ironie!). Man kann sich noch mehr Haus leisten, wenn man die Laufzeiten verkürzt. Schließlich waren die Zinskurven auch für diese Länder normal gewölbt, man musste also für kurzlaufende Anleihen einen niedrigeren Zins zahlen, als für langlaufende. Das Ergebnis ist fatal: statt nur rund 10% pro Jahr refinanzieren zu müssen, müssen Spanien und Italien deutlich größere Anteile ihrer Staatsschulden refinanzieren. Da der Markt diesen Ländern den Vorteil einer "normalen" Zinsstrukturkurve inzwischen weitgehend genommen hat, stimmt unsere Ausgangsrechnung eben so nicht.

Bei einer Refinanzierung von 30% der Staatsschulden und einem Anstieg der Zinslast von 4% auf 7% nimmt die Belastung für den Staatshaushalt schon um 0,6% des BIP p.a. zu! Das ist schon erheblich. Es zeigt aber auch das Dilemma vor dem diese Länder nun stehen (und auch die EZB sich selbst stellt, will sie diesen Prozess unterbinden). Denn (1) wird damit politisches Fehlverhalten in einem Staat auf die Steuerzahler in anderen Staaten verlagert. Und ich meine damit nicht das Fehlverhalten in den Euro eingetreten zu sein, eine schwache Wirtschaft zu haben oder eine selbstverschuldete Immobilienkrise lösen zu müssen. Ich meine damit das unsolide Gebahren eines Schuldners, Zinsvorteile schamlos zu verschwenden und nun die Verantwortung dafür abzulehnen. Diese Krise, vor allem in Spanien, wäre auch ohne Euro über das Land gekommen. Und es besteht keinerlei Veranlassung für die Steuerzahler der solideren Länder, diese Fehler ausgleichen zu müssen.

Juncker-Spiele

Auch dann nicht, und das ist die nächste "Schote" dieser Tage, wenn ein gewisser Herr Juncker insbesondere den Deutschen vorwirft, sie würden in der Eurokrise zu viel Innenpolitik betreiben und sollten doch gefälligst alle Widerstände aufgeben und den Weg in die Transferunion endgültig freimachen. Das ist schon ein stares Stück, was sich da der Chef der "Eurogruppe" erlaubt. Der Griff ins Portemonaie des deutschen Steuerzahlers ist nunmal deutsche Innenpolitik, Herr Juncker!

Oder sind für Sie unsere Spargroschen und Einkommen bereits europäisches Transfergut? Wenn man sich dieser Tage gegen den Euro entscheidet, ist es keine Entscheidung gegen eine Währung, sondern vor allem eine Entscheidung gegen diese Sorte Politiker, die keinen Respekt vor denjenigen haben, die das erarbeiten was diese Politiker umverteilen wollen - und die sie auch eigentlich zu legitimieren haben. Solche Politiker erzeugen Abscheu vor einem "System", welches ökonomisch abgewirtschaft hat, in seinem Überlebenskampf jedoch seine häslichsten Seiten zeigt - und am Ende politische und wirtschaftliche Verwüstungen unvorstellbaren Ausmaßes erzeugen wird.

Draghis Bazooka

In diesem Überlebenskampf hat der Chef der EZB etwas eigentlich Selbstverständliches gesagt, dessen wahre Bedeutung aber noch nicht so recht verstanden wird. Er betonte nämlich, dass er alles dafür tun werde, den Euro zu erhalten. Der Teil ist klar, schließlich hängt sein eigener Job daran. Das ist doch irgendwie die Aufgabe der EZB, oder? Und er wird es "im Rahmen des Mandates" tun. Dieser Teil ist doppeldeutig und wir werden wohl schon bald erfahren, wie die Deutung ausfallen wird. Denn es kann (a) bedeuten, dass man alles tut im Rahmen der EZB-Statuten. Diese schließen eine Finanzierung von Staaten eigentlich aus. Oder es kann (b) bedeuten, dass das Mandat der EZB der Euro selbst ist. Also Kampf bis zur letzten Patrone. Die Bundesbank vertritt, zumindest nach außen, die Linie (a), die Südländer einschließlich Herrn Draghi sehen sich eher Linie (b) verpflichtet.

Apropos Bundesbank. Es ist ja schön, ab und zu eine vernünftige Stimme zu hören. Dennoch drängt sich mehr und mehr der Eindruck auf, dass die eigentliche Aufgabe der Bundesbank nur darin besteht, so etwas wie eine Oppositionsstimme darzustellen. Sieht dann alles irgendwie demokratisch aus, da ja auch Gegenstimmen gehört wurden, aber am Ende wird das Programm Draghis und Junckers durchgezogen.

Verfassungsbruch

Darüber hinaus beschäftigt mich in letzter Zeit die Frage, welche Strafe eigentlich auf Verfassungsbruch steht bzw. welche Strafe die Missachtung von Urteilen des Verfassungsgerichtes nach sich zieht. So wird beispielsweise der ehemalige Ministerpräsident von BW, Stefan M., nicht wegen Verfassungsverstößen angeklagt, ob wohl dieser inzwischen gerichtlich festgestellt wurde. Wann, wenn nicht in einem solchen Fall, muss man Untreue unterstellen? Auch das Urteil des obersten Verfassungsgerichts in Karlsruhe zur Neufassung des Wahlrechts wirft diese Frage auf. Schließlich wurde unseren Politikern schon mehrmals aus Karlsruhe bescheinigt, dass das deutsche Wahlrecht verfassungswidrig sei. Dem Steuerzahler entstehen so unnötige Lasten. Haftung? Fehlanzeige.

Manch einer hat ja schon länger das Gefühl, dass die vielen Rechtsbrüche auf EU-Ebene längst die roten Linien der deutschen Verfassung überschritten haben. Sollte dies am 12. September offiziell bestätigt werden (woran man kaum glauben mag), dann entsteht entweder ein immenser wirtschaftlicher Schaden durch den dann folgenden Euro-Crash oder die "Sachzwänge" treiben die Politik "alternativlos" zum nächsten Verfassungsbruch. Wie immer ohne Haftung der Schuldigen, aber mit Bestrafung der Unschuldigen.

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