Das kann doch einen Zocker nicht erschüttern

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"Das kann doch einen Zocker nicht erschüttern" titelte das Handelsblatt Online gestern abend und berichtet damit über die Befindlichkeiten der Anleger.

Bekanntermaßen untersuchen wir bei sentix auch den Medientenor, da dieser manchmal sehr viel über die laufenden Wahrnehmungsprozesse der Anleger offenbaren kann. Im Folgenden wollen wir einige Medienstatements der letzten 24 Stunden betrachten und uns fragen, was diese wohl für die weitere Marktentwicklung bedeuten könnten.

Beginnen wir mit der Titelzeile der oben erwähnten Beitrages selbst: dort werden die aktuellen Anleger als "Zocker" bezeichnet, was auf eine erhöhte Risikobereitschaft im Markt schließen lässt. Diese lassen sich "nicht erschüttern", was auf Verdrängung / Leugnen hindeutet. Bekanntermaßen steht die Phase des Leugnens unserer Analyse nach für das Frühstadium einer Abwärtsbewegung und nicht für ein Ende!

Weiter heißt es dann: "Was die meisten überrascht: Warum kommt der Absturz gerade jetzt? Selbst erfahrene Börsianer und selbst ernannte Börsenexperten haben den Absturz nicht vorhergesehen. Nicht wenige haben eine „Erleichterungsrally" vorhergesagt"

Solche Statements "erfreuen" mich immer wieder. Weil der Autor oder die Befragten es nicht "gesehen" haben, wird gleich daraus - wohl zum Selbstschutz - eine absolute Aussage: kein Experte, selbst die sehr erfahrenen, hat es gesehen. Eine solche Aussage muss natürlich falsch sein, denn niemand kennt alle Experten. Gleichzeitig müssen ja diejenigen, die es gesehen haben, unerfahren sein oder eben keine Experten. Bei solchen Verteidigungsargumenten handelt es sich um einen psychologischen Schutzmechanismus zur Wahrung des Selbstbildes, der aber die unangenehme Eigenschaft hat, eigenes Lernen zu behindern. Denn wenn es kein beachtenswerter Marktteilnehmer gesehen hat, muss sich der Anleger auch nicht selbst in Frage stellen und kann sich die mühsame Suche nach besseren Informationen schenken - welch ein Irrtum!!!

Da hatten es die sentix Teilnehmer mal wieder besser, die sehr wohl vorbereitet waren.

Aber obwohl die "Börsenexperten" keine Antwort haben, wird das negative Preissignal - getreu dem psychologischen Zustand der kognitiven Dissonanz - verdrängt. Ein weiteres Indiz dafür, dass diese Abwärtsbewegung noch weit davon entfernt ist, ihren endgültigen Endpunkt erreicht zu haben.

Dieser Artikel ist nicht der einzig auffallende. Heute berichtet das Handelsblatt (Print) davon, was Bankenexperten diverser Häuser zum Besten geben. Das Urteil: "Auch sie sind erfrischend positiv gestimmt. Fazit 1: Die Börse übertreibt. Fazit 2: Aber wir müssen den Zitterhänden ja nicht folgen. "

Unser sentix Fonds 1 (A1C2XH) steht bekanntlich unter dem Motto "erfrischend anders investieren" (neues Monatsreporting für Juli mit Fondsmanager-Kommentar online).

Was daran jedoch "erfrischend" sein soll, sich markanten Preissignalen mit dem abstrakten Verweis auf eine Übertreibung zu widersetzen, erschließt sich mir nicht. Das Wort der Übertreibung wird zudem meist dann verwendet, wenn der Befragte keine rechte Erklärung für die Entwicklung hat und auf eine "mean reversion" - auf eine Rückkehr zu vorhergehenden Kurslevels - setzt. Doch gerade dann, wenn man die Preisentwicklung nicht erklären kann, sollte man den Preis als einzig objektive Information ernst nehmen. Das Konzept der kognitiven Dissonanz erlaubt aber genau das den meisten Menschen nicht und so feiern Verdrängungsmechanismen "fröhliche Urstände".

Ein drittes Beispiel gefällig? Dann einfach mal auf dem Börsenportal der ARD vorbeischauen und das Bild auf der Startseite zur heutigen Frühbörse genießen.Unter der Überschrift "Her mit der Gegenbewegung" schaukelt ein Investor der Sonne entgegen. Auch hier suggeriert das Bild "überschwengliche Freude", aber bekanntlich soll man der Sonne nicht zu Nahe kommen. Ikarus lässt grüßen.

Von Angst und Panik kann also in keiner Weise gesprochen werden. Die "Kapitulation" als Endphase einer Bewegung dokumentieren die Medien ganz klar noch nicht. Vielmehr stehen nachhaltige Umkehrformationen oder der Bruch wichtiger, strategischer Unterstützungsmarken im Raum. Vergleichen Sie einfach die charttechnische Bedeutung der Umkehr in der Automobilbranche mit den noch immer bullishen Kommentaren von Analysten und Medien zu derselben! Der Preis ist letztlich die einzig objektive Information und solange sich die Investoren weigern, die Botschaft des Marktes im Kontext der charttechnischen Bedeutung zu würdigen, bestehen aus dieser Analyse heraus mehr Risiken als Chancen. Natürlich sind gewisse Gegenbewegungen nicht nur denkbar sondern sogar sehr wahrscheinlich. Aber sie sollten weniger als Startsignal für eine neue Bullenrunde sondern als dringend notwendige Gelegenheit zum Positionsabbau verstanden werden.

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